Leseprobe

Kapitel 9

(Auszug)  …
Er schüttelte den Kopf und verschwand in seinem Büro. Ich sah Brenda verwirrt an.
„Mach dir keinen Kopf, Süße. Ihr besprecht das alles gleich mit den anderen. So ich werde erst mal Wasser aufsetzen. Wir werden sicher eine Menge Tee und Kaffee brauchen heute.“
Brenda zeigte mir den Weg in den großen Konferenzraum und ich machte es mir schon mal gemütlich. Irgendwie war es wie Territorium abstecken. Hier würde mein Reich für die nächsten Stunden sein.
Nach wenigen Minuten öffnete Brenda die Tür und führte einen jungen Mann und eine junge Frau in den Raum. Sie stellte uns vor:
„Emma, dies ist Ewan aus Glasgow und Monique aus Paris. Und dies ist Emma aus Berlin. Manfred wird gleich kommen und alles mit euch besprechen.“
Ewan setze sich mir gegenüber. Er war ein mittelgroßer Mann mit kantigem Gesicht, das mit Sommersprossen übersät war. Seinen Kopf zierte ein kartottenroter Bürstenschnitt. Ewan wirkte nett, aber nicht wirklich sexy auf mich. Eher der Typ netter Kumpel. Schwarz war wohl wirklich die Designerfarbe der Welt und für Männer in diesem Gewerbe schien der Rollkragenpullover Pflicht zu sein. Trotz aller Kantigkeit hatte Ewan etwas geziertes an sich. Genauso wenig wie Monique erwiderte Ewan meinen Gruß.
Monique ließ sich direkt neben Ewan nieder. Sie wollten anscheinend eine Einheit gegen den Feind bilden. Hey war das etwa ich.
Monique wirkte sehr elegant. Ich kam mir in meinen roten Shorts plötzlich schäbig vor. Auch Monique war ganz in schwarz gehüllt. Klar auch in Paris war das für diesen Beruf die Uniformfarbe schlechthin. Ich verstand nur immer weniger wie Menschen, die Kreativität in ihren Adern zu fließen hatten, sich selber gegenüber so unkreativ waren.
Ja Monique wirkte sehr mondän und gleichzeitig arrogant. Sie schlug ihre mit hochhackigen Stiefeln bekleideten Beine übereinander, als sie sich zu Ewan setzte. Ihr schwarzes Twinset schien aus edlem Cashmere zu sein, aber diese Art Klamotten hatten mir noch nie behagt.
Ich stellte meine Dose mit den homemade Cookies auf den Tisch, was Monique zu einem Hochziehen ihrer schmal gezupften Augenbraue veranlasste.
„Glaubst du Berlin göörl, dass wir nichtss kriegän tsu die Kaffä“, näselte sie mich an.
„Wer weiß das hier schon, hier geht ein Cookie-Klau um“, lächelte ich sie an.
„Oh man, so albern können auch nur Deutsche sein“, polterte Ewan.
Die Fronten schienen geklärt. Sie auf der einen Seite, ich auf der anderen. Na das konnte ja heiter werden. Gott sei dank hatte ich ja immer noch Brenda.
Mit schnellem Schwung stieß Manfred die Tür auf, gefolgt von Mike und einer unbekannten jungen Frau.
„Guten Morgen Leute,“ begrüßte uns Manfred.
„Mike dürfte den meisten von euch noch bekannt sein vom ersten Gespräch her. Und dann möchte ich euch Tonia vorstellen.“
Er deutete auf die junge Frau, die gewinnend in die Runde lächelte.
„Tonia wird einfach nur bei uns sein, und sich ein paar Notizen machen, damit unser Klient seine Entscheidung besser treffen kann.“
Wieder dieser geheimnisvolle Klient. Der Name Tonia kam mir bekannt vor. Auf der andern Seite des Tisches tuschelten Ewan und Monique eifrig miteinander. Hatte sie etwa dieselbe Idee?
„Ok“ sagte Manfred, „dann will ich euch mal erklären, wie das heute so vonstatten geht.“
Er stellte seinen Aktenkoffer auf den Tisch. Als er ihn öffnete, blieb sein Blick irritiert an der Cookie-Dose hängen. Er nahm ein schwarzes Moleskin aus seinem Koffer und schaute wieder sehr irritiert auf die Dose.
Dann lachte er laut los und schaute mich an: „Emma, hat dir die Situation mit den Cookies hier etwa zu denken gegeben?“
„Ja Manfred, dass war ja nicht zum Aushalten. Heute haben wir mal im Überfluss.“
Manfred kriegte sich kaum ein.
„Das nenne ich mal Initiative, die Frau mit dem weitesten Weg schleppt das Proviant an.“
Tonia lächelte kurz zu mir herüber.
„Hat Emma immer die Termine hier gehabt, nachdem wir da waren?“ fragte sie Manfred.
„Stimmt Tonia, das ist in der Tat so gewesen.“
„Na dann kann ich verstehen, dass Emma diesmal die Zügel in die Hand genommen hat.“
„Anyway“, meinte Manfred.
„Ihr sollt heute und morgen CD-Covers und -booklets gestaten. Wir geben euch keine gestalterischen Vorgaben. Tonia wird noch ein paar Stichworte auf das White-Board schreiben. Das Wichtige dabei ist, dass unser Klient euch beobachten, euch Fragen stellen kann und somit ein Gefühl dafür bekommt, wie es ist mit dem Einzelnen zusammenzuarbeiten, da ja die Hauptarbeit direkt vor Ort in Los Angeles erfolgen soll. Tonia, dann schreib mal die Stichworte auf.“
Tonia stand auf und schrieb in kleinen schwungvollen Buchstaben: Fesseln, Dämonen, Flucht, Licht, Befreiung auf die White-Board.
Unser Blick hing wie hypnotisiert auf der Tafel. Im gleichen Moment ging die Tür krachend auf.
„Manfred, ich hasse diesen Laden“, schnaubte der junge Mann, der lässig reingestiefelt kam.
„In dieser ganzen verkackten Firma ist nicht ein Kekskrümmel zu finden.“
Unser Blick, der eben noch auf die Stichworte geheftet war, wandte sich wie auf Kommando zu dem Typen in der Tür hin. Oh mein Gott! Diese Tattoos auf den Armen kannte ich. Das Grinsen, was er trotz seines Gemaules im Gesicht trug, kannte ich auch.
Und diese Augen. Dieser intensiven grünen Augen. Ich hatte immer gesagt, ich würde für einen Blick in diese Augen sterben. Gut er schaute mich nicht direkt an. Sein Blick heftete sich auf den Tisch.
Er wurde magisch angezogen.
Das Magnet waren … meine Cookies.
Nein mein Freund, so nicht. Gerade wegen dir Cookiemonster habe ich die ganze Schlepperei gehabt.
Er machte einen schnellen Schritt in den Raum, hatte seine Hände schon um die Dose gelegt, drehte sich um und wollte mit seiner Beute abziehen.
„Stop Tobias“, rief Tonia ihm hinterher.
„Tobias!“ brüllte auch Manfred.
„Ja was denn?“ maulte das Cookiemonster.
„Ich habe Jetlag und Hunger. Ich brauche jetzt ’nen Zuckerschock.“
„Toby, bitte“, sagte Manfred plötzlich sehr sanft.
„Stell‘ die Dose wieder hin. Das sind nicht unsere Kekse“
„Manfred, jetzt mach mal halblang. Nicht unsere Kekse, seit wann sind Kekse hier nicht unsere Kekse.“